Öffentliche Sicherheit

Der Köpenicker Blackout: eine Lehrstunde

Grundsätzliche Verbesserung und vor allem grundsätzliche Verbesserungen und vor allem Konzeote notwendig

Es sei ein „Fingerzeig Gottes“ gewesen, sagte der Leitende Branddirektor der Berliner Feuerwehr Frieder Kircher. Er war im ARD-Magazin „Kontraste“ zum Stromausfall Berlin-Köpenick befragt worden. Inzwischen spricht man allgemein vom Blackout, der große Teile des Lebens im südöstlichsten Stadtbezirk der Hauptstadt weitgehend lahmlegte. Etwa 31.000 Haushalte und 2.000 Gewerbebetriebe waren vom 19. Februar dieses Jahres ab 14.10 Uhr ohne Strom. Es war ein kleiner Vorgeschmack auf das, was der Stadt, der Region oder sogar dem ganzen Lande blüht, wenn auf einmal der „Saft“ weg ist. 30 Stunden und 48 Minuten dauerte der Blackout, er war der längste und größte in der Berliner Nachkriegsgeschichte. Kein Terrorakt, kein Hackerangriff, sondern eine simple Unachtsamkeit bei Bauarbeiten an der Salvador-Allende-Brücke verschaffte den Menschen einen kleinen Vorgeschmack auf einen „wirklichen“ Blackout.

Auch wenn nur ein kleiner Teil am Rande Berlins betroffen war, so waren die Auswirkungen doch erheblich. Der finanzielle Schaden durch nicht realisiertes Bruttosozialprodukt wurde in der Presse mit rund 22 Millionen Euro pro Ausfallstunde beziffert. Rasch wurden deutliche Mängel sichtbar. Das Notstromaggregat des Krankenhauses Köpenick funktionierte nicht mit der nötigen Stabilität, rund zwei Dutzend Patienten, deren Überleben von Geräten abhängt, mussten in Kliniken anderer Bezirke verlegt werden. Schon hier tat sich die Frage auf: Was geschähe in einer solchen Situation, wenn ein Blackout großflächiger ist?

Nur zwei notstromversorgte Tankstellen

Der von Branddirektor Kircher in der ARD geäußerte Prognose, im Falle eines großflächigen Stromausfalls sei bereits in den ersten 24 Stunden mit Toten zu rechnen, kann angesichts dieser Erfahrungen kaum widersprochen werden. Aber schon der Köpenicker Blackout zeigte, wie schnell die Kommunikation zusammenbricht. Router ohne Strom funktionieren nicht mehr, Mobiltelefone noch so lange, wie der Akku hält und sofern die Antennenanlagen noch in Betrieb gehalten werden können. „Nicht alle Netzbetreiber auf Blackout vorbereitet“, hieß es in einer Überschrift im „Tagespiegel“ bereits während des Stromausfalls. Zugleich bemängelte man: „Beim Neubau von Sendeanlagen ist meist keine Notversorgung vorgesehen.“ Angesichts der Rolle, die Mobiltelefone inzwischen in Sachen Sicherheit spielen, unentschuldbar.

„Durch den Ausfall der meisten Tankstellen bleiben zunehmend Fahrzeuge liegen, der Motorisierte Individualverkehr (MIV) nimmt nach den ersten 24 Stunden stark ab. Der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) kann wegen knappen Treibstoffs allenfalls rudimentär aufrechterhalten werden“, heißt es in einer Studie des Deutschen Bundestages zum „großräumigen und langandauernden Ausfalls der Stromversorgung“ aus dem Jahre 2011. Das betroffene Gebiet in Köpenick war so begrenzt, dass es wohl den meisten Autofahrern gelang, eine Tankstelle in den umliegenden Gegenden anzusteuern, die über Strom verfügten und so problemlos Treibstoff abgeben konnten. „In Berlin gibt es nur zwei Tankstellen, die bei Stromausfall funktionieren“, erklärt Albrecht Broemme, Präsident des Technischen Hilfswerks (THW).

Aufzüge können zur Falle werden

Inwieweit private Dienstleister, ob Pflegekräfte, Sicherheitsdienstleister oder andere Servicekräfte, dann noch in den Genuss kommen würden, Treibstoff zu erhalten, um ihren Aufgaben nachzukommen, darf infrage gestellt werden. Bei einem großen Blackout würde sich zudem die Frage stellen, inwieweit die Retter mit sich selbst und ihren nächsten Angehörigen beschäftigt, überhaupt noch zum Dienst erscheinen.

Die Sicherheit war in Köpenick nicht gefährdet, nur wenige Menschen schienen sich wirklich zu ängstigen. Zwar nur ein kleines, aber dennoch beredtes Beispiel, lieferte jedoch der Magazinbeitrag in der ARD, als die Reporter einen Kioskbesitzer interviewten, der bei Kerzenschein in seinem Laden ausharrte, da er befürchtete, Plünderer könnten sich an seinen Getränken bedienen.

Köpenick ist als Randbezirk sehr ländlich geprägt. In der Berliner Innenstadt wäre alleine die Befreiung aller in Aufzügen eingeschlossenen Personen ein wirklicher Kraftakt. Im Köpenicker Allendeviertel stehen elfstöckige Hochhäuser. Sie und andere mehr als viergeschossige Bauten sind im Falle eines Blackouts eine besondere Herausforderung. Senioren und Menschen mit Behinderung sind in den oberen Geschossen praktisch gefangen; für die Retter oder andere Hilfskräfte sind die Treppenaufstiege kräftezehrend. Aufzüge haben oft nur eine Notstromversorgung, um noch bis zum Erdgeschoss zu fahren. Insgesamt gibt es heute in Berlin rund 46.000 Aufzüge, vermerkt der Berliner Mieterverein, schränkt jedoch ein, dass sich „nur ein kleiner Teil davon … in Wohngebäuden“ befinde. Nach zwei Todesfällen, bei denen alte und kranke Menschen nach einem Ausfall des Lifts die Strapazen des Treppensteigens nicht überlebten, fragte ein Boulevardblatt im Dezember 2017: „Schon zwei Tote. Wie viele Schrott-Aufzüge gibt es noch in unseren Häusern?“ Wer „ganz oben“ wohnt, muss sich bei einem großen Blackout noch auf andere, essenzielle Unbilden einstellen. Obwohl die Berliner Wasserbetriebe die Versorgung auch in diesem Fall mit dem lebensnotwendigen H2O garantieren (siehe auch das Spitzengespräch mit Hermann Kühne in SI 1/19), wird das Trinkwasser aufgrund verminderten Drucks nicht mehr in allen Etagen verfügbar sein.

Logistikzentrum für Hilfsgüter

Eine Tageszeitung unterstreicht in einem Beitrag über einen möglichen großen Blackout in der Spreemetropole fett gedruckt: „Eine Art Handbuch, nach dem in Berlin im Fall eines massiven Blackouts gehandelt werden sollte, gibt es nicht. Von koordinierter Vorsorge für diesen Katastrophenfall kann keine Rede sein.“ Und sie zitiert den Berliner Katastrophenexperten Thomas Leitert, dessen Prognose zufolge nach 96 Stunden die Zahl der Toten „im fünfstelligen Bereich“ liegen wird.

Der Mini-Blackout – so kann man den Köpenicker Stromausfall wohl bezeichnen – offenbarte bereits gravierende Mängel in der Notfallversorgung. So fehlt es in Berlin in mindestens 37 Wachen der Freiwilligen Feuerwehr an einer eigenen stationären Notstromversorgung. Mit mehr als 1.450 Einsatzkräften stellen die Freiwilligen Feuerwehren jedoch eine tragende Säule eines wirksamen Katastrophenschutzes dar. Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) hat schon während des Blackouts ein Logistikzentrum für notwendige Hilfsgüter, nach dem Vorbild der ehemaligen Senatsreserve wie sie im Kalten Krieg bestanden hatte, gefordert. Nach den Vorgaben für den zivilen Katastrophenschutz müsste, wie berichtet wird, ein Prozent der Bevölkerung im Notfall versorgt werden können, das wären in Berlin rund 37.000 Menschen. „Wir können aber nur maximal 3500 Menschen mit Essen versorgen“, sagte der Katastrophenschutzbeauftragte des DRK, Hardy Häusler. Dann könnte die Stimmung schnell kippen. „Vier ausgefallene Mahlzeiten“, so Leitert, „und die Menschen werden hysterisch.“

Tiefkühlkost nur noch Abfall

Bei Discountern und Supermärkten trat zwangsläufig ein, was für den Moment eines Blackouts immer vorausgesagt wird: Nichts geht mehr. Doch einige haben bereits Pläne entwickelt. Drei Aldi-Märkte konnten einen Großteil der Kühl- und Tiefkühlware kurzfristig abholen lassen und u. a. auf ein Zentrallager verteilen. Andere Supermärkte beklagten Ausfälle. Sie müssen jetzt große Mengen verderbliche Ware aus ihren Tiefkühltruhen entsorgen. „Wir sind derzeit mit der Erfassung aller Schäden beschäftigt“, sagt Stephanie Behrens, Sprecherin von Rewe in Berlin, gegenüber der Presse. Vier Filialen der Supermarktkette seien vom Stromausfall betroffen gewesen.

Ob damit gesichert wurde, dass die Kühlkette nicht unterbrochen ist, muss das Unternehmen sicher noch feststellen. Kritischer als bei den Einzelhändlern von Lebensmitteln ist die Unterbrechung der Kühlung bei Medikamenten. Schon geringste Temperaturschwankungen können Impfstoffe in ihrer Wirkung beeinträchtigen. Der Blackout betraf auch die Logistik der Einzelhändler, wenn beispielsweise frische Ware gerade zu dem Zeitpunkt geliefert werden sollte, wenn die Kühltruhen und -regale nicht die geforderte Leistung bringen. Bei einem rund 30 stündigen Ausfall der Stromversorgung steht am Ende für die Tiefkühlkost nur noch der Weg in die Tonne.

Der Blackout in Köpenick war zeitlich und räumlich begrenzt, der Schaden von Beginn an identifiziert und die Reparaturarbeiten wurden kommuniziert. Dies alles trug wohl zu einem wesentlichen Teil dazu bei, dass die Stimmung in der Bevölkerung weitgehend gelassen und unaufgeregt blieb. Dennoch hat der Köpenicker Blackout vielen die Gefahr und Folgen eines Blackouts plastisch vor Augen geführt.

Bildquelle: pixabay

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