Unternehmenssicherheit

Destabilisierung als machtpolitisches Kalkül

UN United Nations general assembly building with world flags flying in front - September 1, 2015, First avenue, New York City, NY, USA

Europa gerät im Wirtschaftskrieg mehr und mehr an den Rand

Die Entwicklung des internationalen Kräfteverhältnisses in den letzten 30 Jahren hat die operativen Bedingungen der deutschen Wirtschaft nachhaltig verändert. Darüber hinaus werden die Geschäftsprozesse der international tätigen Unternehmen von einer wachsenden Komplexität der immanenten Markt- und Wettbewerbsrisiken beeinflusst. Dabei stellen klassische Sicherheitsrisiken nur noch einen Teil dieser Risiken dar.

Das Ende des letzten Jahrhunderts markiert zwei wesentliche Entwicklungen, die Politik und Wirtschaft im internationalen Maßstab nachhaltig und irreversibel verändert haben. Zum einen betrifft dies den Wegfall der bipolaren Strukturen der Blockkonfrontation der Nachkriegswelt (1945-1989/90) und die damit verbundene Veränderung starrer Bündnissysteme und Grenzen, zum anderen die dadurch begünstigte und bis heute anhaltende beschleunigte weltweite Vernetzung der Wirtschaftsprozesse. Dabei war und ist die ökonomische Globalisierung kein neues Phänomen. Sie hatte bereits im 16. und 17. Jahrhundert im Zeitalter der großen Entdeckungen eingesetzt und sich stetig entwickelt. Die zum Ende des 20. Jahrhunderts erfolgte immense Beschleunigung des Prozesses liegt in der revolutionären Entwicklung der Informationstechnologie begründet. Erst durch die Möglichkeit der weltweiten Übermittlung von Informationen in Echtzeit konnte die Geschwindigkeit und Intensität der internationalen wirtschaftlichen Vernetzung signifikant erhöht werden, so dass der Begriff der Globalisierung seinen heutigen Inhalt und unbestreitbaren Platz in der politischen und ökonomischen Sprache erhielt.

Der wirtschaftlichen Globalisierung ist aber die von vielen gewünschte politisch harmonisierende Globalisierung in der Staatengesellschaft nicht gefolgt. Die Illusionen eines friedlichen, begrifflich durchaus zwiespältigen „New World Order“ sind längst aufgegeben. An die Stelle einer bipolaren „Ordnung“ ist zunächst eine multipolare Struktur mit rasant zunehmenden politischen Konflikten getreten. Auch die Zahl der bewaffneten Auseinandersetzungen, vor allem in Form des „Low Intensity War“, hat in einem von den politischen Eliten nicht erwarteten Maß zugenommen und nimmt weiter zu.

Ein Ende der politischen Dissonanzen und Konflikte ist nicht in Sicht

Politische Dissonanzen und Konflikte beherrschen den wirtschaftlich hoch bedeutsamen Mittleren Osten nach wie vor, und ein Ende ist nicht in Sicht. Das gleiche gilt für die desolaten Verhältnisse im afrikanischen Raum. Auch der asiatisch-pazifische Raum ist mit dem Hervortreten der Weltmacht China in Bewegung geraten, und die Spannungen im Zusammenhang der politisch-ökonomischen Beherrschung dieses Raums nehmen zu. Der gegenwärtige amerikanisch-chinesische Handelskonflikt zeigt dies deutlich.

Mit dem wiedererstarkten Russland, China und den USA kristallisiert sich seit gut zehn Jahren eine beherrschende tripolare Kräftekonstellation heraus, die mit zunehmender Härte um die wirtschaftliche und politische Neuaufteilung ringt. Europa spielt als politischer Machtfaktor in diesem Prozess keine bedeutsame Rolle, wenn man davon absieht, dass sein Raum als strategisches Glacis der USA und Russlands politisch und wirtschaftlich umkämpft ist. Auch China will in Europa zumindest wirtschaftlich Fuß fassen.

Der europäische Machtverlust, dem noch mehr wie bisher unvermeidlich wirtschaftliche Einbrüche folgen wird, ist dem in der EU ideologisch verankerten Pazifismus und Multilateralismus geschuldet. Eine signifikante militärische Selbstschwächung und das Festhalten am illusionären Glauben an die Problemlösungskompetenz multilateraler Verhandlungen haben die Europäer auf unabsehbare Zeit vom Schachbrett der „Power Politics“ verbannt.

In diesen Zusammenhang gehört auch eine selbstauferlegte wirtschaftsfeindliche Energie- und Umweltpolitik, deren desaströse Folgen schon wegen der Nichtbeteiligung der großen drei Mächte unausweichlich werden.

Der freie Wettbewerb wird eingeschränkt

Es wird in Europa einfach nicht erkannt, dass für die Trias Russland, China und USA trotz manch anderslautender Lippenbekenntnisse bilaterale Vereinbarungen und offene Machtpolitik längst die Methoden der Wahl bei der Wahrnehmung ihrer Interessen geworden sind, und dies hat erhebliche Auswirkungen auf die internationalen Wirtschaftsprozesse. Europa wird seinen Mangel an politischem Realismus teuer bezahlen.

Wir erleben nicht nur, dass ein sicheres, d.h. störungsfreies wirtschaftliches Handeln in einer politisch instabilen Welt immer schwieriger wird, sondern wir erleben auch, dass entgegen allen Illusionen globaler wirtschaftlicher Harmonie der internationale Wettbewerb rasant an Schärfe gewinnt.

Es ist zunächst festzustellen, dass der freie Wettbewerb zunehmend durch machtpolitisch inspirierte Sanktionsregime, protektionistische Handels- und Zollpolitik und andere rechtliche und politische Instrumente – man denke nur an die SEC-Verfahren gegen zwei deutsche Großunternehmen im letzten Jahrzehnt – eingeschränkt wird. Für die großen Drei gilt „America, China and Russia first!“. In diesem Zusammenhang nehmen die wettbewerbsverzerrende Wirtschafts- und Konkurrenzspionage signifikant zu, auch wenn das BKA und die deutschen Nachrichtendienste dies nicht erkennen wollen oder dürfen.

Auch der gezielte, meist nur mäßig abgetarnte Einsatz von NGOs zur Durchführung von Desinformationskampagnen, Reputationsschädigungen und Einflusspolitik (internationaler Lobbyismus) nimmt zu. Last but not least ist ein wachsendes wirtschaftlich und politisch wirksames Handeln von privaten Finanzoligarchen und High-Tech-Riesen im Bereich der „Social Media“ und der Informationstechnologie zu erkennen, die als neben- oder überstaatliche Akteure rasant trotz fehlender politischer Legitimation an Bedeutung gewinnen.

Es ist unmittelbar erkennbar, dass die beschriebene Gemengelage von politischen, informationellen und sicherheitsbezogenen Wettbewerbsrisiken die Möglichkeiten des normalen, eher kleindimensionierten deutschen Sicherheitsmanagements überfordert.

Lebensfremde Compliance-„Kultur“

Das haben auch die Unternehmen erkannt und haben in Deutschland nach den Angriffen der amerikanischen Börsenaufsicht auf zwei deutsche Konzerne eine ebenso florierende wie lebensfremde Compliance-„Kultur“ mit „mächtigen“ Unternehmensabteilungen geschaffen. Das sicher nicht beabsichtigte Ergebnis war und ist die Fesselung deutscher Unternehmen durch selbstauferlegte ethische Höchststandards des wirtschaftlichen Handelns, die den weniger gründlichen internationalen Wettbewerbern freilich willkommen ist.

Die dominierenden Risiken im globalen Wettbewerb

Die gegenwärtig bestimmenden Risiken und -gefährdungen für international tätige deutsche Unternehmen können wie folgt zusammengefasst werden. Es handelt sich u.a. um:

• die voranschreitende Destabilisierung der internationalen politischen Ordnungssysteme, die Rückkehr der Weltmächte zur klassischen Machtpolitikihre und die „Proxy Wars“ in ihren Klientelstaaten, die für Unternehmen als Märkte wegfallen oder zu Hochrisikomärkten werden.

• Angriffe auf schützenswertes Unternehmenswissen durch Wirtschafts- und Konkurrenzspionage sowie reputationsschädigende oder marktverzerrende Desinformationskampagnen, auch und besonders durch instrumentalisierte NGOs (Informational Warfare).

• Interne und externe kriminelle Angriffe mit standort- und grenzüberschreitenden Deliktsmustern, Markenpiraterie, korruptive Handlungen und andere Integritätsrisiken

• das durchgängige Fehlen verlässlicher ganzheitlicher Risikomanagement- systeme, die alle nicht technischen und nicht finanzwirtschaftlichen Risiken integriert bearbeiten. Sicherheits- und Krisenmanagement- strukturen sind Teile dieser solcher Systeme.

Dabei ist festzuhalten, dass es vor allem die immanenten Risiken des internationalen ökonomischen Netzwerkes sind, die in Zeiten volatiler Wirtschafts- und Politikentwicklung zur unberechenbaren Gefahr werden. Zu diesen Risiken gehört vor allem ein aggressiver Wettbewerb, dessen Formen und Instrumente zwischen traditionellem Handel und Wirtschaftskonflikt oszillieren.

Handlungen wie Sanktionsregime, protektionistische Handels- und Zollpolitik und andere Verdrängungsinstrumente wie Wirtschafts- und Konkurrenz- spionage sowie Markenpiraterie bestimmen zunehmend das Verhältnis der Wettbewerber und ihrer Herkunftsländer zueinander und werden von manchen bereits als „Wirtschaftskrieg“ bezeichnet.

Dabei ist zuzugeben, dass der Begriff des Wirtschaftskrieges in Deutschland ein schwieriges Thema berührt.

Der Begriff „Wirtschaftskrieg“ bezeichnet im deutschen Sprachgebrauch ein Phänomen, das in der Sphäre des Politischen und des Völkerrechts angesiedelt ist. Bisher versteht man darunter einen Konflikt zwischen Staaten oder anderen Völkerrechtssubjekten – der unterhalb der Schwelle des klassischen Krieges – mit wirtschaftlich wirksamen Mitteln ausgetragen wird.

Wirtschaftskrieg ohne Regeln

Dem gegenüber geht der Sprachgebrauch in anderen westlichen Staaten, z.B. der französische Begriff der „guerre économique“, weit darüber hinaus, weil er auch nichtstaatliche Akteure, vor allem Wirtschaftsunternehmen und unterstützende Dienstleister aller Art, als „Kriegspartei“ anerkennt und berücksichtigt. Wirtschaftskrieg ist nach diesem Verständnis in erster Linie ein neuer Modus des Wettbewerbs, der sich durch große Härte und einem weitgehenden Fehlen von Regeln auszeichnet und sowohl staatliche als auch private Akteure umfasst.

Es wird sich zeigen, ob sich ein solchermaßen gewandelter Begriff des „Wirtschaftskrieges“ durchsetzen kann. Die damit verbundenen Handlungen und Gefährdungen sind – meist unterschätzt – längst Realität und keineswegs ein Thema nur für Regierungen und Wissenschaftler. Sie gehören zu den oben erwähnten Herausforderungen des globalisierten Wettbewerbs und betreffen die Unternehmen unmittelbar.

Ganzheitliches Risikomanagement wird nicht einmal angedacht

Trotz des Multiversums der oben beschriebenen Risiken findet deren Bearbeitung in den meisten Unternehmen desintegriert in zahlreichen unterschiedlichen Unternehmensbereichen (Audit, Compliance, External Affairs, Public Relations, Security etc.) ohne trennscharfe Aufgabenverteilung statt. Ein ganzheitliches Risikomanagement wird in den meisten deutschen Unternehmen noch nicht einmal angedacht.

Im Gegenteil, tatsächliche Risiken und Gefährdungen werden häufig als „Übertreibungen“ der Risikomanager abgetan. Investitionen in ein wirksames integriertes Risikomanagement würden als unerwünschte ökonomische Belastungen empfunden, die den „unproduktiven toten Sektor“ betreffen.

Die Tatsache der oben beschriebenen Risiken im Zusammenhang weltweiten wirtschaftlichen Handelns kann aber nicht ernsthaft bestritten werden, und den Unternehmen fehlen vor allem Strukturen und Instrumente zur frühen Risikoidentifizierung. Es überwiegen in den meisten Unternehmen reaktive Handlungsmuster, das heißt: Maßnahmen erfolgen in den meisten Fällen erst nach Schadenseintritt. Schnelle und damit wirksame präventive Maßnahmen zur Risikoeindämmung sind häufig nicht möglich.

Der häufig zu hörende Einwand, dass die Herstellung vollkommener Risikofreiheit des Wirtschaftshandelns ohnehin unmöglich sei, ist ebenso wohlfeil wie am Ende nicht zielführend.

In jedem Fall können Risiken – je nach Lage und Ressourcen – wirksam verringert und begrenzt werden. Voraussetzung hierfür ist aber das Bestehen eines professionell eingerichteten und ausgeübten ganzheitlichen Risikomanagements.

Aufgaben und Methodik eines Integrierten Risikomanagement (Frühwarnfunktion) als unternehmensweit zuständige Risikoorganisation für alle relevanten nicht technischen und nicht finanzwirtschaftlichen Risiken stellen sich wie folgt dar:

 

Bei der Aufgabenerledigung (Risk Containment) sind methodisch unverzichtbare Grundlagenprozesse zu beachten. Hierzu gehören u.a.:

• die kontinuierliche Sammlung und Auswertung von Risikoinformationen mit Unternehmensbezug

• die frühe Identifizierung und Klassifizierung von Risiken und Gefährdungen mit potenziellen Auswirkungen auf Unternehmens- strategie, Unternehmensziele und -prozesse (Risikoanalyse)

• die ständige Anpassung von Aufgaben und operativen Maßnahmen an die Risikolage und Geschäftsprozesse

Diesem Verständnis eines präventiv wirksamen integrierten Risikomanagements hat sich offensichtlich auch der Gesetzgeber durch die Einführung des KontraG angeschlossen. Das Gesetz präzisiert u.a. die Organisationspflicht des Vorstandes und fordert von ihm, „geeignete Maßnahmen zu treffen, insbesondere ein Überwachungssystem einzurichten, damit den Fortbestand der Gesellschaft gefährdende Entwicklungen früh erkannt werden“.

Sämtliche bestandsgefährdende Risiken – hierzu gehören auch die beschriebenen Risiken – sollen so früh erkannt werden, dass Maßnahmen zur Sicherung des Fortbestandes des Unternehmens rechtzeitig ergriffen werden können.

Im Hinblick auf Funktion, Aufgaben und wirtschaftlichen Nutzen eines integrierten Risikomanagements bedeutet dies u.a.:

• Die ständige Beobachtung, Bewertung und Prognose von relevanten Risiken im In- und Ausland (risk forecast) sind für Erhalt und Fortentwicklung von Unternehmensressourcen und Geschäftsprozessen sowie für Investitionsentscheidungen ein tägliches Erfordernis.

• Der Schutz vor politischen Angriffen und reputationsschädigender Desinformation bewahrt Funktionstüchtigkeit und Integrität des Unternehmens und damit seine Marktchancen.

• Der Schutz des Unternehmens gegen Wirtschafts- und Konkurrenzspionage und sonstige informationelle Angriffe gewährleistet die Abwehr potentieller wirtschaftlicher Verluste, vor allem aber die Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit.

• Der Schutz gegen sonstige vermögensschädigende und kriminelle Angriffe einschließlich Korruption bedeutet die Vermeidung von wirtschaftlichen Verlusten und zeigt die Fähigkeit der Unternehmen, die Integrität ihrer Prozesse wirksam zu wahren.

• Die Existenz eines schnellen und effektiven Krisenmanagements stellt sicher, das Unternehmen auch unter schwierigen Bedingungen handlungsfähig sind.

Integriertes Risikomanagement als Wirtschaftsfaktor

Ein modernes, weit über die traditionelle Prozess- und Organisationsmuster hinausreichendes Risikomanagement schützt die für den erfolgreichen Wettbewerb unverzichtbare Überzeugungskraft der Unternehmen und ihrer Produkte, denn im Zentrum erfolgreicher Geschäftstätigkeit steht das Vertrauen der Geschäftspartner und Kunden in die Qualität und wirtschaftliche Beständigkeit von Marke und Produkt.

Produktion, Vertrieb und Finanztransaktionen finden nicht in einem virtuellen friedlichen Wirtschaftsraum statt, in dem politische, wettbewerbsbedingte und kriminelle Unsicherheit nicht existiert.

Ein wirksames integriertes Risikomanagement kann deshalb nicht mehr allein als Schutz von Mitarbeitern, materiellen und immateriellen Ressourcen der Unternehmen verstanden werden, sondern ist als Verteidigung ihres Gesamtgeschäftes gegen Angriffe und Gefährdungen aller Art aufzufassen.

Entscheidend ist die möglichst präventive Eindämmung aller virulenten Risiken für die Geschäftsprozesse, von der Produktentwicklung bis hin zur Produktvermarktung einschließlich der Sicherung vorteilhafter Wettbewerbsbedingungen.

Ein effektives integriertes Risikomanagement wird deshalb im Zusammenhang der wirtschaftlichen und politischen Globalisierung zu einem bedeutsamen Wirtschaftsfaktor und Wettbewerbsvorteil. Es ist ein aktiver Beitrag zur Wertschöpfung und ein strategisches Element zur Sicherung der Funktions– und Zukunftsfähigkeit von Unternehmen.

(Bildquelle Stock.adope.com – Urheber: anaglic)

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Redaktion Prosecurity

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