Unternehmenssicherheit

Videotechnik auf dem Vormarsch

Die Umsätze mit Videosicherheitstechnik in Deutschland sind im letzten Jahr zum wiederholten Mal deutlich gestiegen. Die SicherheitsPraxis sprach mit Jochen Sauer über die Gründe, die Auswirkungen der Corona-Pandemie und die Zukunft der Branche. Sauer ist seit 35 Jahren in der Sicherheitstechnik unterwegs. Seit acht Jahren ist er Business Development Manager bei Axis Communications mit dem Fokus auf der Fachplanerbetreuung, sowie Verbands- und Normenarbeit.

In den aktuellen Umsatzzahlen der Sicherheitstechnik von BHE und ZVEI für das Jahr 2019 verzeichnet Videosicherheitstechnik mit einem Wachstum um  5,6 % auf 607 Millionen Euro den größten Zuwachs. Wo liegen Ihrer Ansicht nach die Gründe dafür?

Ich glaube, dass die Gründe für den Umsatzwachstum im Bereich Videosicherheitstechnik vielschichtig sind. Zum einen gibt es neue Märkte für Videosicherheitstechnik wie beispielsweise im Bereich Autonomes Fahren, zum anderen ist das steigende Bedürfnis nach Sicherheit in einer dynamischen Welt eine treibende Kraft. Was ich allerdings mit etwas Sorge betrachte, ist die fehlende Sicht auf einen nachhaltigen Einsatz der Videosicherheitstechnik. Nachhaltigkeit erfordert das sorgfältige Planen und Errichten einer Anlage, die auf die Kundenanforderungen und gesetzlichen Rahmenbedingungen, wie z. B. der DSGVO, zugeschnitten ist. In einer nachhaltigen Wertschöpfungskette haben alle Beteiligten ihr Auskommen, vom Fachplaner über den Integrator bis zum Hersteller. Und auch der Nutzer muss seinen Vorteil bzw. seinen Mehrwert aus der Technik ziehen können. Um im Dschungel der verschiedenen Angebote in diesen Bereichen nicht verloren zu gehen, empfehle ich grundsätzlich eine valide Planung auf Basis von anerkannten Normen, wie zum Beispiel der Normenreihe DIN EN 62676. Sie verhindert die typischen Missverständnisse zwischen den Erwartungen der Nutzer und den Aussagen von Integratoren und Planern. Eine weitere sehr gute Möglichkeit den Hersteller der Produkte zu bewerten, ist sein Engagement im Bereich Nachhaltigkeit. Eines der besten „Siegel“ hierfür ist der UN Global Compact. Dieser Pakt richtet Unternehmensstrategien und Betriebsabläufe an universellen Grundsätzen zu Menschenrechten, Arbeit, Umwelt und Korruptionsbekämpfung aus. Hier ist nicht nur wichtig, dass man ihm nicht nur versucht zu folgen, sondern dem Pakt auch aktiv beitritt.

Videosysteme sind in den letzten Jahren technologisch deutlich weiterentwickelt und die Anwendungsgebiete erweitert worden. Was ist neu?

Absolut, es hat sich in den letzten Jahren sehr viel weiterentwickelt. Denken wir beispielsweise an 2013 zurück: Damals konnte erstmals eine Zugangskontrolle direkt mit einer Kamera sprechen und das über ONVIF, einem offenen Protokoll, welches heute noch wichtiger ist als 2008. In dem Jahr hatten drei Hersteller die Vision einer einheitlichen Sprache in der Videosicherheitstechnik. Heute gehören zu diesem Forum fast 500 Mitglieder, die das Ziel haben, offene Systeme untereinander sprechen lassen zu können. Die technologischen Weiterentwicklungen finden sich – in der Videosicherheitstechnik recht schnell – auch in der Normung wieder. So sind im TC 79 in der WG 12 der IEC weitere Normen der Reihe IEC 62676 zu Remote-Management und Cloud, zur intelligenten Bildanalyse und zur Umweltprüfverfahren für die Bildqualitätsleistung in Arbeit. ONVIF unterstützt als starker Branchenverband die Normenarbeit auf breiter Front, so z. B. bei der Weiterentwicklung der IEC 62580-2 für Multimedia- und Telematiksysteme in Zügen.

Welchen Stellenwert hat Kl dabei? Schlagwort oder echter Fortschritt?

Kl ist ein abendfüllendes Thema. Wenn ich mich zurückerinnere, wurde KI auf der Security Sicherheitsmesse 2O16 stark in den Fokus gerückt. Allerdings hat die Realität die Branche hier wieder eingeholt. Kl wird in vielen Bereichen unseres Lebens sicherlich unsere Zukunft mitbestimmen. In der Videosicherheitstechnik dürfen wir uns im Zusammenhang mit KI nicht von dem Versprechen täuschen lassen, dass wir damit das „Superwerkzeug“ haben, um rund um die Uhr in jeder Situation alles automatisch entscheiden lassen zu können. Was wir festhalten können, ist, dass KI in der Videosicherheitstechnik langsam ankommt und sie uns immer verlässlichere Entscheidungsvorlagen geben wird. So konnte in der Verkehrsüberwachung durch KI die Zahl der unerwünschten Alarme deutlich reduziert werden. Eines dürfen wir nicht vergessen: Für Mehrwerte durch KI oder „klassische“ Verfahren ist immer  ein forensisch wertvolles Bild (d. h. mit gutem Kontrast und ausreichender Auflösung) erforderlich.

Welchen Stellenwert haben offene Standards wie ONVIF heute und in Zukunft? 

Standards sind für mich notwendig: Ohne Standards und Vorschriften könnten wir heute nicht mit der Bahn von Köln nach München fahren. Standards sind immer der kleinste gemeinsame Nenner, der uns – wie jedes proprietäre System – viel weiter bringt. Als offener Standard hat ONVIF unter anderem dem Fortschritt in der Videosicherheitstechnik die Türe geöffnet und den Boom, den wir heute haben, ermöglicht. Der Sinn und Zweck des Standards ist, Geräte untereinander kommunizieren lassen zu können. Schade ist, wenn Hersteller diesem wichtigen Standard nicht mehr folgen können oder wollen. Von ONVIF erwarte ich noch viel zu hören, da noch genügend Profile in der Sicherheitstechnik erschlossen werden können.

Videoüberwachung im öffentlichen Raum ist mancherorts umstritten: Welche Lösungen entwickeln die Hersteller, um die Akzeptanz zu erhöhen? Welche Rolle spielt die DSGVO in diesem Zusammenhang?

Um die Akzeptanz der Lösungen zu erhöhen, hilft zum Beispiel die Rechenleistung der Kamera: Funktionalitäten wie Edge Computing ermöglichen es, DSGVO-konforme Anlagen zu planen, zu errichten und zu betreiben. In diesen Fällen bleiben die personenbezogenen Daten auf der Kamera und tragen so zur DSGVO-Konformität bei. Den Datenschutz zu jeder Zeit zu gewährleisten ist sicher eine der wichtigsten Säulen, um die Öffentlichkeit von den Vorteilen der Videosicherheitslösungen zu überzeugen. Wenn wir von „Security by Design“ sprechen, müssen wir auch „Security by Default“ direkt mitnennen. Beides sind wichtige Schlagworte zu denen auch die Punkte „Signed Firmware“, „Secure Boot“ und „Trusted Platform Module“ (TPM) gehören. Denn nur durch eine Reihe von Maßnahmen kann ich es schaffen, ungebetene Gäste heute erst gar nicht in meine IP-Produkte „reinzulassen“.

Das ist nicht nur eine Einmal-Maßnahme, sondern etwas, das über den gesamten Nutzungszeitraum der Anlage im Vordergrund stehen sollte. Damit ich als Nutzer sicher sein kann, dass ich über die Zeit, in der ich mein Produkt nutze, immer Up-to-date bin, sollte ich mit einer Geräteverwaltungssoftware meine Updates intelligent verwalten können. Das gilt auch dann, wenn mein Produkt schon seit drei, vier, fünf oder mehr Jahren installiert ist. Sicherheitsfacherrichter spielen da eine wichtige Rolle, denn durch eine fachgerechte Instandhaltung gewährleisten sie die Funktionsfähigkeit und die Sicherheit der Anlage. Ein Negativbespiel möchte ich gerne nennen. Seit Ende Juli ist ein Artikel „Ungeschützte Linksammlung leakt Überwachungsaufnahmen“ im Netz. ln diesem Bericht geht es um einen Installationsbetrieb, dem eine folgenschwere Panne unterlief. Durch diese Datenpanne war es leider möglich, dass ein Intranet-Server mit URLs und Zugangsdaten Live-Aufnahmen einer Klinik im Netz preisgegeben hat. Personen, die die Klinik am Isar Park in Plattling betreten haben, egal ob durch die Notaufnahme, durch den Haupteingang oder über den Besucherparkplatz, waren live für jedermann offen im Netz abrufbar. Das hätte durch eine durchgängige Struktur, die bei der Fachplanung anfängt, über die Facherrichtung geht und auch die fachlich richtige turnusmäßige Überprüfung beinhaltet, verhindert werden müssen. Sehr gut wird das in der Norm EN 16763 „Dienstleistungen für Sicherheitsanlagen“ abgebildet, nach der inzwischen die ersten Fachplaner und Facherrichter zertifiziert sind.

Was müssen Errichter können , um Videosysteme erfolgreich zu vermarkten?

Facherrichter brauchen als erstes gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die mit einem fundierten Wissen Anlagen errichten und betreiben und zu den besten Lösungen beraten können. Normenwissen gehört ebenso dazu wie das „Übersetzen“ von Kundenanforderungen in eine geeignete und wirtschaftliche Technik. Am besten lassen sich diese Mitarbeiter auf einer unabhängigen Akademie, wie zum Beispiel vom BHE oder dem ZVEI angeboten wird, ausbilden und professionell weiterbilden. Neben den Mitarbeitenden braucht es noch Partner auf Herstellerseite, deren Firmenphilosophie auf eine langfristige partnerschaftliche Zusammenarbeit ausgerichtet ist.

Welche Rolle übernehmen Errichter in den immer häufiger genutzten Cloud-Lösungen der Hersteller? 

Das ist ein sehr spannendes Thema. Videosicherheit kann so als Komplettservice angeboten werden, bei der sich der Endkunde nicht mehr um Hardware, Wartung und ähnliches kümmern muss. Meiner Meinung nach ist es für bestimmte Objekte ein sehr intelligenter Weg, das Sicherheitssystem nachhaltig zu betreiben. Wichtige Punkte, die im Vorfeld klar zu definieren sind, sind neben der stabilen Netzwerkanbindung auch eine ausreichende Bandbreite und die Einhaltung der DSGVO. Auch der Zugriff auf und die Nutzung der Daten sollte vertraglich zwischen den Partnern klar geregelt sein. Der Vorteil, den ich bei Security-as-a-Service sehe, sind kalkulierbare monatliche Kosten und eine, falls gewünscht, 24/7-betreute Anlage. Diese kann aus der Ferne nicht nur gewartet werden, sondern ermöglicht auch abgestimmte Maßnahmen bei Alarmen. Videosicherheit lässt sich so kostengünstiger in Geschäftsprozesse und die Unternehmensstruktur integrieren. Darin inbegriffen ist automatisch eine Betrachtung der Gesamtkosten über den Lebenszyklus der Anlage (TCO). Facherrichter im Bereich der Videosicherheitstechnik tun deshalb gut daran, einen starken Partner im dem Segment „Security-as-a-Service“ zu finden, um je nach Bedarf die richtige Lösung anbieten zu können.

Die Corona-Pandemie wird Gesellschaft und Wirtschaft vermutlich dauerhaft verändern.
Ergeben sich daraus neue Anwendungsfelder für Videosysteme?

Videosicherheitstechnik ist nur ein Werkzeug von vielen. Die Analysen werden aber immer besser und zuverlässiger. Wir können beispielsweise mit Hilfe unserer Lösungen immer genauere Angaben zu der Anzahl von Personen auf Plätzen oder in öffentlichen Gebäuden machen und diese sowohl an Mitarbeiter oder auch an Kunden/Besucher via Displays im Eingangsbereich direkt weitergeben. Axis hat sicher einige Lösungen im Portfolio, die zur Erhöhung der Sicherheit und zur Maximierung der Unternehmensleistung und Betriebseffizienz dienen. Darüber hinaus können sie, insbesondere in Zeiten einer Pandemie, ebenfalls andere Aufgaben übernehmen. Dazu zählen unter anderem der berührungslose Zugang zu Gebäuden, Audiosysteme für Sprachnachrichten und Erinnerungen zur Wahrung des Abstands, Crowd und Occupancy Management zur Kontrolle des Personenflusses, Live-Streaming sowie die Verwaltung von Standorten aus der Ferne. Diese Lösungen können es uns und den Nutzern ermöglichen, unser Tagesgeschäft weiterzuführen und uns selbst und die Menschen um uns herum zu schützen. Allerdings müssen wir uns auch über die Grenzen der Lösungen im Klaren sein: Was wir vorerst beispielsweise nicht schaffen, ist die Aussage drüber, ob mein Kunde, der einen Laden betritt, COVID-19 hat oder nicht. Denn nur weil ein Merkmal, z. B. eine erhöhte Körpertemperatur, erkannt wurde, ist das keine medizinische, belastbare Diagnose zum Gesundheitszustand dieser Person.

Viel wichtiger ist die Frage, welche intelligente Aufgabe mein System hat. Und wie kann ich nachhaltig auch Daten DSGVO-konform gewinnen, um der Ansteckungsgefahr entgegenzuwirken? Dies kann durch die Beobachtung von Plätzen und mittels Personenzählung /-schätzung umgesetzt werden. Mit Hilfe von intelligenten Maßnahmen kann die Anzahl der Personen an einem Ort reduziert werden. Dies muss nicht zwingend durch das Eingreifen einer Ordnungskraft sein, hier kann in der Abenddämmerung zum Beispiel mit Lichtfarben gearbeitet werden oder durch die Vorhersage von hohem Personenaufkommen, die vor dem Besuch des jeweiligen Orts mit dem potentiellen Besucher geteilt wird.

Mit Jochen Sauer, BDM Architects & Engineers bei Axis Communications sprach Dr. Henning Salié

Bildquelle: Axis Communications

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Redaktion Prosecurity

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